Warum so viele an der Musik vorbeigelernt haben
Über mechanistische Musikpädagogik und das, was dabei verloren ging
»So etwas habe ich noch nie gehört«
»Das ist genau das, was ich immer gesucht habe.«
Solche Sätze höre ich oft. Sehr oft. Von Menschen, die jahrelang, manchmal jahrzehntelang Unterricht hatten. Von Gitarrenspielern, die fleissig geübt haben, Stücke gespielt, Werke analysiert... – und trotzdem das Gefühl hatten, am Eigentlichen vorbeizuarbeiten. Es stellt sich die Frage nach dem Warum: Warum habe ich all die Jahre Gitarre gespielt, ohne wirklich zu musizieren? Warum wurde mir nie gezeigt, wie Musik, wie Gitarrenmusik funktioniert – klanglich, harmonisch, gestalterisch...? Ein gitarrenspezifisches Problem? Nur teilweise.
Lange dachte ich, es sei vor allem ein gitarristisches Phänomen. Denn die Gitarre hat im klassischen Musikbetrieb bis heute eine Sonderrolle. Ihr Repertoire kennt kein Beethoven- oder Brahms-Konzert, ist zudem eng mit Volksmusik, Tanzmusik, regionalen Traditionen verbunden.
Die spanische Gitarre wird nicht selten als kitschig empfunden – und leider tragen manche Gitarristen selbst zu diesem Bild bei. Man stelle sich vor, ein Streichquartett würde mit Strohhut und Playback an einem Flussufer auftreten, um »Atmosphäre« zu schaffen. Oder ein Konzertpianist würde seinen Flügel an den Vierwaldstätterse stellen, im Glauben, die Musik durch das Setting zu bereichern... Undenkbar!
Bei der Gitarre hingegen wird genau das oft als legitim, ja sogar als »authentisch« empfunden. Ein hausgemachtes Problem. Teilweise. Denn es erklärt nicht alles. Das Problem liegt tiefer – und reicht weit über die Gitarre hinaus.
Die grosse Zäsur – Was verloren ging
Bis in die 1920er- und frühen 1930er-Jahre hinein war es für Musiker selbstverständlich, nach Gehör zu musizieren. Jazzmusiker ohnehin – aber auch klassische Musiker – verfügten vielfach über ein lebendiges Verhältnis zu Tonarten, Harmonien, Klangfarben. Nicht theoretisch, sondern praktisch, hörend, spielend. Sie spielten im Ensemble »einfach mit« – ohne Noten, aber mit einem echten musikalischen, mit einem auditiven Verständnis.
Die grossen historischen und gesellschaftlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts waren auch für die Kultur vernichtend, mit ihnen ging binnen kürzester Zeit dieses Selbstverständnis zunehmend verloren.
An seine Stelle trat eine mechanistische Denkweise – nicht nur in der Pädagogik, sondern auch im Instrumentenbau. Gitarren wurden zunehmend so konzipiert, dass die Saiten überall, in jeder Lage, gleich klingen sollten. Keine natürlichen Register mehr, weniger Farben, keine charakteristischen Lagen mehr. Dabei zeichnet sich ein gutes Instrument gerade dadurch aus, dass es unterschiedliche Klangräume bietet – die Komponist wie Instrumentalist bewusst nutzen, verstärken und gestalten.
Was im Instrumentenbau begann, setzte sich in der Musikpädagogik fort.
Mechanik statt Musik
Heute finden wir ein Meer an Lehrheften, in denen minutiös erklärt wird, welcher Finger wo zu stehen hat. Vielleicht ergänzt durch ein paar notizenhafte Hinweise »über die Musik«. Was fehlt, ist das Entscheidende: Verständnis. Verständnis für Musik. Verständnis für das Instrument. Und daraus entwickelt: eine Spieltechnik, mit der Musik realisiert werden kann – nicht nur stumpf reproduziert.
Diese Entwicklung kulminierte in der akademischen Reformpädagogik der letzten Jahrzehnte. Die Bologna-Reform steht sinnbildlich für das, was der Philosoph Konrad Paul Liessmann als »Theorie der Unbildung« beschrieben hat: Ausbildung ohne Bildung, Kompetenz ohne Verstehen.
Notenlesen ist wie Lesen lernen
Ich vergleiche das oft mit Sprache. Wenn ich schreibe:
GroOveanDSOund!
…ist das kaum verständlich.
Selbst mit Leerzeichen bleibt es kryptisch:
Gro Ovean DSO und!
Erst wenn Buchstaben, Silben und Wörter sinnvoll strukturiert sind, entsteht Bedeutung, werden Form und Gestalt (Wille und Wirkung) erfahrbar: Groove and Sound! :-)
Mit Notenlesen ist es meist nicht anders. Wir erkennen rhythmische Muster – oft falsch. Harmonische Zusammenhänge bleiben unsichtbar. Klangliche Gestalten, wie wir sie aus einem Orchester kennen, sind mit rein mechanischen Spielanweisungen nicht zu realisieren.
Zuerst die Musik, die Gitarre, der Mensch
Groove-and-Sound ist aus genau diesem Mangel heraus entstanden. Hier geht es nicht darum, noch einmal zu lernen, wie Finger heissen oder wo welche Note liegt – obwohl wir das selbstverständlich auch tun. Aber wir tun es verstehend. Wir beschäftigen uns mit: musikalischen Gesetzen, harmonischer Logik, Griffbrettarchitektur, Klangfarben und Registern, linker und rechter Hand als gestaltenden Werkzeugen.
Der Gitarrenlehrer ist dabei kein Instrukteur, sondern ein Medium – zwischen Komponist, Instrument und Musiker. So, wie es mein Freund und Gitarrenbaumeister Claus Vogt treffend beschreibt.
Ein Ort für ernsthaftes und lustvolles Musizieren
Viele kommen zu mir und sagen:
»Ich möchte noch einmal neu anfangen.«
»Ich möchte die Stücke, die ich spiele, wirklich verstehen.«
»Ich möchte Musik machen – nicht Noten buchstabieren.«
Genau dafür gibt es Groove-and-Sound. Ein Ort, an dem Musik »grooven und sounden« soll. Ein Ort, an dem man sich tief, ernsthaft und lustvoll mit Musik beschäftigt.
Mit der Gitarre. Mit dem Musizieren. Mit dem Sein als musizierender Mensch. – Willkommen bei Groove and Sound!