Irrtum:
»Großer Klang braucht viel Holz und hohe Saitenspannung«
Warum ein großer Klang nicht von dicken Saiten kommt
Es ist ein weitverbreiteter Glaube in der Gitarrenszene: Ein lauter, tragfähiger Ton braucht ein schweres Instrument mit viel Holz und eine hohe Saitenspannung. »Hannabach Blau«, »Hannabach Rot« – das klingt nach Kraft, nach Projektion, nach Volumen. Kein Wunder also, dass Gitarrenbauer genau solche Instrumente bauen. Und kein Wunder, dass viele Gitarristen denken: Je mehr Spannung, desto mehr Klang! – Doch dieser Glaube ist nicht nur falsch – er ist fatal.
Denn genau das Gegenteil ist der Fall.
Ein harter Ton ist nicht automatisch ein guter Ton.
Ein lauter Ton ist nicht automatisch ein tragender Ton.
Und ein schweres Instrument ist nicht automatisch ein klangstarkes Instrument.
Eine kleine Geschichte über grosse Missverständnisse
Ich erinnere mich an einen Meisterkurs, den Hubert Käppel bei Köln organisiert hatte, an dem ich teilnahm. Ein Konzertsaal mit schwieriger Akustik, eine lange Reihe grossartiger Gitarristen, darunter ein Duo – Gitarrist mit Flötistin. Ich stand ganz hinten, hörte zu. Ein schöner Vortrag, doch als ich schliesslich selbst spielte – eine Auswahl aus den Folía-Variationen von Manuel Maria Ponce – passierte etwas Interessantes.
Nach meinem Auftritt kamen die beiden Musiker nach vorne. Sie wollten mich sprechen. »Wir haben Dich gehört«, sagten sie. »Und wir haben, ebenfalls von ganz zuhinterst im Saal, auch den Gitarristen vor Dir gehört. Doch Dein Klang war eine andere Welt! Wir haben jeden Ton gehört, und es klang nicht gepresst, es klang wunderschön!«
Natürlich kam gleich die Frage: »Was spielst Du für eine Gitarre?«
Meine Antwort: »Eine ganz normale 8-saitige Ramírez.«
»Und was hast Du für Saiten?«
»Hannabach Gelb.« – Stille. Verwunderung.
Dann: »Was, GELB?! – Kenn'ich noch nicht, sind die noch stärker als die ROTEN?« (Hannabach Gelb sind Super-Low-Tension-Saiten. Also genau das Gegenteil von dem, was »man so macht«...)
»Wie kann das sein? Wie bekommst Du so einen Klang mit so weichen Saiten? – Darf ich Dich fragen: Wie formst Du Deine Nägel?«
Meine Antwort: »Sehr kurz« – Erneute Stille, maximale Verwunderung...
Mehr Klang kommt nicht von höherer Saitenspannung – er entsteht durch Technik
Hier liegt der grosse Denkfehler: Viele Gitarristen glauben, der Ton entstünde durch das blosse Anreissen der Saiten.
Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Der Klang entsteht durch die Art, wie die Saite ins Schwingen gebracht wird.
Starke Saiten mit hoher Spannung? Sie geben zwar Widerstand, doch sie nehmen dem Spieler auch Gestaltungsspielraum. Sie sperren sich gegen feine Nuancen, gegen Elastizität, gegen Flexibilität im Anschlag.
Weiche Saiten? Sie geben nach. Sie reagieren auf feinste Impulse. Hier beginnt das eigentliche Formen des Tons.
Die Gitarre ist kein starres Konstrukt – sie atmet mit dem Spieler
Jeder Anschlag ist eine Wechselwirkung zwischen Finger/Zupfhand, Saite, Steg und Sattel, Decke und Korpus. Wenn ich eine Saite nur ziehe, dann passiert das Übliche: Ein dünnes, kurzes »Ping-Ping«.
Doch wenn ich sie drücke – wenn ich ihr eine elastische Bewegung mitgebe – dann geschieht etwas anderes: Die ganze Gitarre beginnt zu schwingen. Das ist der eigentliche Schlüssel: Die Gitarre ist kein starres Objekt. Sie ist ein elastisches System!
So wie ein Pfeilbogen sich spannt, wenn man ihn zieht, so reagiert die Gitarre auf eine präzis gesetzte Impulsbewegung. Das Instrument reagiert, biegt sich, es nimmt den Impuls auf und kehrt, die Saiten ausschwingend, der Korpus vibrierend und die Luftmasse »knetend«, in seine Ruheposition zurück. Diesen akustischen Vorgang nimmt unser Gehör als Klang wahr...
Das Geheimnis eines guten Tons
Was bedeutet das nun praktisch?
- Vergiss schwere Gitarren mit übertriebener Bauweise!
Ein gut gebautes, resonanzfreudiges Instrument klingt von selbst. - Vergiss High-Tension-Saiten als Standardlösung!
Sie nehmen Dir genau die Kontrolle, die Du brauchst, um den Ton zu formen. - Setze auf weiche Saiten – und lerne, sie zu spielen!
Mit wenig Spannung kannst Du den Klang in alle Richtungen formen, ihn atmen lassen, ihm Farbe geben.
Fazit – Der Weg zum vollen Klang
Viele Gitarristen kämpfen mit einem dünnen, kraftlosen Sound – und montieren immer wieder noch stärkere Saiten. Doch das ist, als würde man sich mit zu engen Schuhen schneller fortbewegen wollen: Man verliert an Beweglichkeit.
Die Wahrheit ist einfach: Ein grosser Klang entsteht nicht durch Stärke, sondern durch Geschmeidigkeit. Und wer diesen Weg geht, dem öffnet sich eine Welt von Klangfarben, von Dynamik, von Ausdruck – eine Welt, die sich mit High-Tension-Saiten für immer verschliesst.
Also: Probier es aus. Wage den Schritt. Nimm weiche Saiten – und höre, wie Deine Gitarre zu singen beginnt!
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