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Irrtum: »Der Ton kommt aus dem Schallloch«

oder auch: »Die Saite macht den Ton«


Wenn wir auf erfüllende Weise musizieren möchten, sollten wir der Tonerzeugung besondere Aufmerksamkeit schenken und verstehen, wie genau der Ton entsteht.

Dazu verfolgen wir nun zunächst den Weg des Tones rückwärts: das, was das Ohr wahrnimmt und das menschliche Gehirn als »Ton« weiterverarbeitet, sind Schallwellen, eine bestimmte Schwingungsform der Luft, die entsteht, wenn auf die Luft ein entsprechender Impuls einwirkt. So wie sich Wellen im glatten Wasser symmetrisch in alle Richtungen ausbreiten, wenn man einen Stein hineinwirft, so breiten sich auch die Schallwellen in der Luft von der Quelle des Impulses ausgehend grundsätzlich in alle Richtungen aus.

Wie genau entsteht nun dieser Impuls bei der Gitarre? Im Ruhezustand befindet sich die Gitarre im Gleichgewicht ihrer elastischen Bestandteile. Die Elastizität des Gitarrenkörpers korrespondiert mit der der Saiten. Im Ruhezustand verläuft jede Saite gerade gespannt zwischen Sattel und Steg, und der Steg liegt mit seiner Hochachse im rechten Winkel zu den Saiten, zur Decke, zum Hals. Wenn man nun eine Saite drückt (mit rechter und/oder linker Hand), dann verläuft sie nicht mehr gerade und übt zusätzlichen Zug auf das Instrument aus, so dass sich die Strecke zwischen Wirbel und Steg verkürzt. Dies ist nur möglich, weil der Gitarrenkörper elastisch ist, die Gitarre sich also bei Drücken der Saite biegt.

Man kann sich das anhand eines Vergleichs mit dem Bogenschießen gut vorstellen: wird die Sehne des Bogens gespannt, biegt sich der Bogen. Der Bogen bleibt so lange unter Spannung, wie die Sehne gespannt bleibt. Mit dem Loslassen der Sehne entlädt sich diese Spannung und gibt dem Pfeil einen Impuls.

So ist es auch bei der Gitarre: ist eine Saite gedrückt, stehen Saite und der Gitarrenkörper unter Spannung und biegen sich, der Steg kippt dabei Richtung Schallloch. Wird dieser Zustand aufgelöst, dann stellt sich das Gleichgewicht zwischen den beiden elastischen Systemen wieder her. Dabei schwingt die Saite nach und nach aus, wobei sie sich im Wechsel längt und zusammenzieht, ebenso wie der Gitarrenkörper, der ebenfalls schwingt, in der Bewegung länger und kürzer wird. Durch diese Bewegung der Gitarre wird die Luft in ihrem Inneren regelrecht geknetet, dadurch in Schwingung versetzt, und diese Schwingung überträgt sich dann, über die Decke der Gitarre, auf die Außenluft und breitet sich dort aus, so dass das Ohr Klang wahrnimmt. Dieses Ausschwingen der Saite als fließende stetige Rückkehr ins Gleichgewicht kann man beim Hören gut nachvollziehen: mit abnehmendem Grad der Schwingung wird der Ton sowohl immer leiser als auch in sich immer konstanter und verklingt schließlich, wenn in den Gitarrenkörper wieder »Ruhe einkehrt«.

Wenn man dieses Funktionsprinzip der Gitarre verstanden hat, erschließt sich sogleich, dass es für eine schöne Tonerzeugung wichtig ist, dass wir den Impuls hinsichtlich Richtung, Geschwindigkeit und Befreiung der Saite so kontrollieren, dass das Instrument optimal in Schwingung versetzt wird. Die Übertragung des Impulses auf das Instrument, die Vorbereitung des Instruments formt den Ton.