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Das Wichtigste steht nicht in den Noten

Was für den Wanderer die Landkarte ist für den Musiker die Partitur – Beispiel: Germano Cavazzoli, La Sera


Noten sind wie eine Landkarte: sie ermöglichen Orientierung und liefern eine gewisse Beschreibung eines Musikstücks – aber das Wesentliche, das, was ein Stück wirklich zum Klingen bringt, ist nicht notiert!

Eine Wanderkarte zeigt Dir Wege, Höhenlinien und vielleicht eine Alp – aber die Blumen auf der Wiese siehst Du darauf nicht. Wenn Du jedoch tatsächlich dort wanderst und Dich der Wiese näherst, erscheinen die Farben, die Blüten, die Details. Je näher Du gehst, desto mehr entdeckst Du. Und noch mehr Details entdeckst Du, wenn Du eine Lupe dazunimmst.

Die Karte zeigt Dir den Weg. Aber die Schönheit der Landschaft musst Du selbst erleben.

Die Partitur ist nur ein grober Massstab

Mit Musik ist es ähnlich. Die Partitur enthält Tonhöhen, Rhythmen und vielleicht einige Hinweise wie »piano«, »forte« oder »ritardando«. Viele glauben, wenn man diese Angaben korrekt umsetzt, habe man bereits musiziert. Doch das stimmt nicht. Die Notation beschreibt nur einen kleinen Teil dessen, was Musik wirklich ausmacht. Selbst in einfachen Stücken steckt eine Fülle an klanglichen Möglichkeiten, die sich gar nicht vollständig aufschreiben lassen.

Eine dieser Möglichkeiten, das Hören verborgener Stimmen, zeige ich Dir hier im Video näher.

Ich glaube, dass es nicht von ungefähr kommt, dass viele Menschen eine gewisse Abneigung gegen »das Notenlesen« verspüren: viele haben ein wunderbares, natürliches Grundgefühl für Musik und fühlen sich durch »zu viele« Noten eher abgeschreckt oder eingeschränkt. Vielleicht liegt das (bewusst oder unbewusst) auch daran, dass sie das für sie Entscheidende, das, was Musik wirklich ausmacht, in den Noten nicht finden. Aber auch wer gerne Noten liest, versteht Musik erst richtig, wenn er sich klar macht: das Wichtigste steht nicht in den Noten.

Die verborgenen Stimmen hören

Nehmen wir als Beispiel ein kleines Arpeggio-Stück, ein sog. »Anfängerstück« von Germano Cavazzoli. Wenn Du aufmerksam auf den Bass hörst, entdeckst Du eine Melodie – eine Kantilene. Und wenn Du noch genauer hinhörst, erscheinen plötzlich weitere Linien in den Mittel- und Oberstimmen. Diese Stimmen sind wie die Blumen auf der Wiese: Sie sind da – aber man nimmt sie von Weitem nicht bewusst wahr. Und sie werden umso besser wahrnehmbar, je klarer der Spieler die Musik gestaltet.

Musizieren beginnt mit dem Hören

Der Zauber der Musik entsteht aus vielen kleinen Details. Einzelne Klangbewegungen, Spannungen zwischen Tönen, feine Linien in verschiedenen Stimmen. Deshalb beginnt Musizieren nicht mit den Fingern, sondern mit dem Hören. Wir müssen lernen, genauer hinzuhören – mit einer Art musikalischer Lupe:

Jeden Ton.
Jeden Klang.
Jede Reibung zwischen den Stimmen.

Und wenn wir so hören können, können wir unser Gitarrenspiel dann auch so gestalten, dass auch andere diesen Zauber hören, wenn wir spielen. Dann entsteht etwas, das keine Partitur der Welt vollständig fassen kann: Musik.

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